REUSE: Einstiegsartikel zu OER

Das Anpassen und Verändern von Lehr- und Lernmaterialien ist eine grundlegende pädagogische Eigenschaft. Das Vermischen von eigenen und fremden Inhalten und die Anfertigung digitaler Kopien sind aber rechtlich nicht ohne weiteres zulässig. Open Educational Resources sind genau solche Materialien, die explizit dafür gemacht sind, dass sie kopiert, verändert und weitergegeben werden können. Die Autorin diskutierte bei der Fachtagung „Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe“ am 5./ 6. Dezember 2016 in Berlin über Chancen und Perspektiven von offenen Lehr- und Lernformaten für die soziale Arbeit und die berufliche Fort- und Weiterbildung.

Hintergrund | eine grundlegende pädagogische Eigenschaft

Viele Lehrende durchsuchen das Internet mittlerweile gerne und oft nach Materialien und Quellen für ihren Unterricht, für Seminare oder Workshops. Verhältnismäßig selten kommt es dabei vor, dass die Materialien später genauso so zum Einsatz kommen, wie sie gefunden wurden. Die Materialien werden verändert, mit den eigenen oder weiteren fremden Materialien zusammengestellt und für die Lernenden sowie bestimmte Lernziele und Kontexte angepasst

Das Bedürfnis der Anpassung ist in erster Linie eine pädagogische Eigenschaft, unabhängig von der Form oder des Formats. Auch wenn analoge Bücher oder Lernmaterialien im Einsatz sind, werden die wenigsten pädagogischen Fachkräfte Lehrenden das jeweilige Buch exakt so einsetzen, wie es vorgesehen ist.

Das Mixen zu neuen Materialien, beispielsweise zu eigenen Arbeitsblättern, ist mit Hilfe digitaler Technologien viel einfacher geworden. Ein passendes Bild kann schnell im Internet gefunden werden und ist auf unkomplizierte Weise in das Arbeitsblatt eingebaut. Auch die Zusammenarbeit untereinander und der Austausch von Materialien, beispielsweise über Plattformen oder Clouddienste, stellt mittlerweile keine besonders große Hürde dar.

Soweit, so gut? Leider nicht ganz.

Rechtslage | Hindernis und Chance zugleich

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen machen es kompliziert bis unmöglich, die fremden Materialien oder Materialien, die aus verschiedenen zusammengestellt wurden, so zu nutzen, wie man sie gerne benutzen will. Das Zusammenbringen von eigenen und fremden Materialien zu einem neuen Werk sowie die Anfertigung digitaler Kopien ist nicht zulässig, vor allem dann nicht, wenn die Nutzung über den privaten Gebrauch hinausgeht und die Materialien an andere Personen weitergegeben werden. Es sei denn, der Rechteinhaber/die Rechteinhaberin hat es ausdrücklich erlaubt.

Im Alltäglichen wollen sich die wenigsten Menschen mit Gesetzen auseinandersetzen und sich mit Ausnahmen beschäftigen, was man darf und was man nicht darf. In erster Linie braucht man Materialien, die ohne Bedenken kopiert, verändert und an andere weitergeben werden können – Inhalte, die explizit dazu gemacht sind, dass man sie verändern kann. Der Begriff Open Educational Resources (OER) meint genau diese Materialien.

Begrifflichkeit | Was sich dahinter verbirgt

„Open Educational Resources“ wurde erstmals auf dem UNESCO-Forum 2002 erwähnt. Der Begriff und die Entwicklungen um OER wird von da an von der UNESCO sehr geprägt. In der Definition der UNESCO sind OER „Lehr-, Lern- und Forschungsressourcen in Form jeden Mediums, digital oder anderweitig, die gemeinfrei sind oder unter einer offenen Lizenz veröffentlicht werden, welche den kostenlosen Zugang sowie die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung durch Andere ohne oder mit geringfügigen Einschränkungen erlaubt.“ (UNESCO, 2012)

Aus der Definition der UNESCO wird deutlich, dass mit OER alle Formate gemeint sind bzw. diese nicht ausschließlich als digitale Form verstanden werden. Das Material kostenfrei zugänglich zu machen, macht es noch nicht zu einer Open Educational Resource.

 

Freie Lizenzen | Der entscheidende Unterschied

Mit einer freien Lizenz wird das Material, egal ob es ein Arbeitsblatt, ein Video oder ein ganzes Buch ist, erst zu einer Open Educational Resource.

Unter Verwendung der freien Lizenz – größtenteils werden die Lizenzen von Creative Commons (CC-Lizenzen) verwendet  – hat mir die/der Urheber/-in sehr geholfen. Umfangreiche Erläuterungen gibt es im Wikipedia-Artikel zu Creative Commons.

Freie Lizenz = Benutze mich ausdrücklich gerne! Er/sie macht mit der Lizenz deutlich, dass ich nicht mehr fragen muss und was ich mit seinem Werk machen darf.

Ich kann das Werk gerne verwenden, kopieren, verändern und wiederveröffentlichen. Je nach konkret vergebener CC-Lizenz, stellt der/die Urheber/-in noch Bedingungen:

  • CC BY = zusätzlich muss ich Angaben zu den Urheber/-innen machen und auf meine etwaigen Änderungen hinweisen
  • CC BY SA = zusätzlich zur Angabe der Urheber/-innen und den Änderungen muss ich mein neues Werk auch wieder unter die CC BY SA-Lizenz stellen (SA = share alike)
  • CC Zero = ich muss keine weiteren Angaben zu den Urheber/-innen machen, da sie/er auf urheberrechtlichen Schutzrechte verzichtet hat und das Werk in die Gemeinfreiheit entlassen hat.

Auch wenn es mehr Lizenzen von Creative Commons gibt, kommen genau genommen nur diese drei Lizenzen im Bereich von OER in Frage. Alle anderen würden die Nutzung des Materials zu sehr einschränken.

Möglichkeiten | Was es bedeutet und bedeuten kann

Auf der eigentlichen Materialebene betrachtet, bedeuten OER einen zeitgemäßen Umgang mit den aktuellen gesetzlichen Gegebenheiten. Das, was bei anderen Materialien verboten ist, wird durch die „Vereinbarung“ zwischen mir und dem/der Urheber/-in (= die freie Lizenz) möglich.  

  • Ich darf das Material weitergegeben, auch an meine Teilnehmenden und auch über digitale Kopien, die ich anfertige.
  • Ich darf das Material verändern, damit kann ich sie an meine individuellen Zwecke anpassen.

Auf einer übergeordneten Ebene bedeutet das, einen neuen, gemeinsamen Umgang mit Wissensbeständen und Ressourcen zu finden. Das, was seit jeher gemacht wird, wird durch OER sichtbar und stellt das individuell Beste für den konkreten Einsatz dar.

  • Ich baue auf bereits vorhandenem Material auf und muss nicht von vorne beginnen.
  • Ich arbeite anders mit Kolleg/-innen zusammen, indem ich selbst meine Materialien teile und von anderen Materialien benutze.
  • Ich prüfe das Material in der eigenen Verwendung, indem ich erweitere, variiere und eventuell Fehler verbessere. Das, was ich für das Beste halte, wird durch meine eigene Qualitätsprüfung ausgewählt und kommt zum Einsatz.

Aktuelles | Informationen und Fördermaßnahmen

Seit 2012 sind Open Educational Resources im Gespräch und von da an in einem verhältnismäßig rasanten Tempo. Zahlreiche Veranstaltungen, Publikationen, Projekte folgten. Für fast alle Bildungsbereiche sind Open Educational Resources relevant und interessant geworden.

2017 wird wieder ein sehr spannendes Jahr für OER werden. Beispielsweise starten neue Vorhaben aufgrund der Fördermaßnahmen des Bundes. Aktuell wird eine umfangreiche Informationsstelle zu OER (OERinfo) aufgebaut. Die Informationsstelle baut auf Beständen und Angeboten rund um OER auf und wird vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) mit zahlreichen Partnern beim Deutschen Bildungsserver betrieben.

OER sind im Bereich der beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung im Vergleich zu anderen Bildungsbereichen, wie Schule oder Hochschule, „noch relativ wenig bekannt und verbreitet“ (Bodo Rödel, Bundesinstitut für Berufsbildung, im Interview). Die Akzeptanz und die Verbreitung von OER müsse erhöht werden. Auch wenn der Bereich der beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung im Gesamten betrachtet noch am Anfang steht, gibt es bereits einige sehr spannende und große Projekte und Vorhaben.

Konkretes I | Beispiele aus der Fort- und Weiterbildung

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) hat gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung das Online-Portal wb-web.de entwickelt. Sie wollen mit Hilfe konkreter Angebote, verschiedener Austauschmöglichkeiten sowie zahlreicher Materialien „einen Beitrag zur Professionalitätsentwicklung von Lehrenden in der Erwachsenen- und Weiterbildung“. Der überwiegende Teil der Materialien (Wissenstexte, Interviews, Checklisten, Grafiken uvm.) stehen unter einer freien Lizenz.

Die FH Lübeck betreibt gemeinsam mit ihrer Tochter oncampus die offene Lernplattform mooin. Auf mooin werden zahlreiche kostenfreie Online-Kurse angeboten, die ebenfalls unter einer freien Lizenz stehen. Die Kurse sind offen für alle und dabei ganz besonders aufgrund der Themen und der Aufbereitung für den Bereich der Weiterbildung interessant.

Konkretes II | Beispiele aus der außerschulischen Bildung

Zoomt man noch etwas mehr hinein, in den Bereich der Fort- und Weiterbildung in der sozialen Arbeit oder auch der nonformalen Bildung finden sich ebenfalls, wenn auch verhältnismäßig wenige Projekte, die OER nutzen und selbst zur Verfügung stellen.

Ein solches Angebot ist beispielsweise das Medienpädagogik-Praxis-Blog, dessen Artikel unter freier Lizenz stehen. Auch die Inhalte, die besprochen und gesammelt werden, unterstützen den Gedanken des freien Zugangs und einer offenen Nutzung.

Screenshot: Making-Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen. Handbuch zum kreativen digitalen Gestalten
Making-Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen. Handbuch zum kreativen digitalen Gestalten

Das Buch „Making-Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen. Handbuch zum kreativen digitalen Gestalten“, das ebenfalls unter CC-Lizenz steht und Projekt aus dem Makingbereich bündelt und zur Verfügung stellt, ist ebenfalls ein Beispiel dafür. Ein weiteres ist das Projekt „Refugeephrasebook“, ein großes Netzwerk aus Freiwilligen, die Übersetzungen und andere Ressourcen für Geflüchtete anfertigen. Diese Daten und Materialien stehen ebenfalls unter einer freien Lizenz.

Besonderes | Potenziale für die nonformale Bildung

Im Vergleich zu anderen Bereichen spielt dieser Bildungsbereich in den fachlichen Diskussionen um OER bislang kaum eine Rolle. Der Grund dafür ist schwer auszumachen und vermutlich auch nicht eindeutig. Womöglich liegt es in anderen Bildungsbereich, wie der Schule oder Hochschule, aber auch der Erwachsenenbildung, etwas mehr auf der Hand, sich mit dem Umgang mit Bildungsmaterialen zu beschäftigen. 

Wobei sich die oben genannten Potenziale hier noch einmal ganz besonders deutlich zeigen (können). Die Möglichkeiten, die beispielsweise im Nonformalen und der Projektarbeit stecken, spielen der Idee von OER sehr zu. Neben dem allgemein offenen Umgang mit partizipativen Formaten und Herangehensweisen kommt in diesem Bildungsbereich noch das Bedürfnis hinzu, gemeinsam etwas zu entwickeln und auch weiterzugeben. OER sind so gesehen logische Konsequenz, um diese Prozesse adäquat umzusetzen.

Im Mittelpunkt steht, sichtbar zu machen, was man macht und gemacht hat, es anderen zugänglich und für andere tatsächlich nutzbar zu machen. OER sind dann auch eine Form der eigenen Öffentlichkeitsarbeit sowie ein Mittel, um vom Einzel-/ Leuchtturm-Projekt zur Verstetigung in die Breite zu kommen.

Weiterführendes | Anlaufstellen und Links

Der Text „Open Educational Resources in den Blick genommen – Was steckt hinter offenen und anpassbaren Materialien?“ von Kristin Narr ist eine Übernahme und steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Erstmals erschien der Text auf www.jugendhilfeportal.de und wurde  im Auftrag des Fachkräfteportals der Kinder- und Jugendhilfe geschrieben.

 

CC BY 4.0 Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 international. Berechtigungen, die über die Bestimmungen der Lizenz hinausgehen, sind verfügbar unter CC BY 4.0.

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